Der Tod – ein Bote des Lebens

Was ist denn „Der Tod“?
Für die Einen ist er das endgültige Aus. Für die Anderen geht es danach weiter, sie sehen im Tod einen Übergang. Materialistisch geprägte Menschen, wie z.B. mein Vater, sind so eindeutig von der Ausschließlichkeit nur dieser sichtbaren Welt überzeugt, dass sie alles ist, was für sie existiert. Er ist ein gläubiger Mensch in Bezug auf das, was er sieht. Er sieht Körper und sieht, wie sie ihre Lebendigkeit verlieren, wenn sie sterben. Meine Mutter starb vor kurzem in seinen Armen. Als Jugendlicher fragte ich meinen Vater über seinen Verbleib nach dem Tod und er antwortete: „Wenn ich tot bin, ist alles weg, dann gibt es mich nicht mehr und es ist alles vorbei“. Das enttäuschte mich, denn in mir blieb die Frage unbeantwortet, was denn diesen Körpern Leben gibt, Lebendigkeit verleiht. Vielleicht hätte ich ihn genau das fragen sollen, was er glaubt, was ihn leben lässt. Ich war mir sicher, dass es da etwas geben musste und damit begann meine Suche nach dem „Danach“ oder „Zuvor“.

Bloß irgendwie weiterleben!
Die Menschen, die im Tod einen Übergang sehen, und dass etwas bleibt, etwas weiterexistiert, könnten etwas näher dran sein an der Wahrheit, auch wenn es womöglich ihrer Angst entspringt, nicht total ausgelöscht sein zu wollen. Möglicherweise suchen sie die Angst vor dem Tod damit zu besänftigen, dass etwas von dem, was sie „Ich“ nennen, auf eine angenehme Art und Weise bleibt. Es also nicht ganz stirbt und damit komplett ausgelöscht ist. Ähnlich dachte auch ich, weil ich als Suchender immer davon ausging, Befreiung oder Erwachen ist etwas, was „Ich“ als Erfahrung zu meinem Erleben hinzufügen kann. Inzwischen habe ich erkannt, dass die alte Sufi-Weisheit „Stirb, bevor du stirbst“ sich in der Auflösung des Persönlichen, des Ich-anhaft-ens erfüllt, also genau das, was scheinbar alles ist, was mich ausmacht. Es ist ja auch so, dass ich mein persönliches Leben nicht so leicht mal loslassen möchte, ohne zu wissen, was dann kommt. Und das, weil ich denke, dass das Leben und damit das Universum endlich sind. Ich weiß noch, wie erleichtert ich war, als ich eine Lösung fand für die mich quälende Vorstellung, dass das Universum unendlich ist. Das war und ist unfassbar für meinen Verstand. So setzte ich einfach eine gedachte Mauer ins All, eine Begrenzung, wo es endete. Für eine kurze Zeit vergaß ich dabei, dass es ein ‚hinter der Mauer‘ gab, und ich war erleichtert, denn die Welt war jetzt überschaubarer und hatte jenes Unergründliche verloren. Das hielt natürlich nicht lange, weil ich bald bemerkte, was ich ausgelassen hatte. Es war der Moment, wo etwas in mir akzeptierte, dass es Unendlichkeit gibt und ich sie nicht verstehen muss. Mir war nicht bewusst, dass ich mich mit dem Tod als etwas über das Endliche hinausgehende beschäftigt hatte. Meine Angst davor begann zu weichen.

Die Begrenztheit des denkenden Verstandes
Ich bin aufgewachsen in einer Gesellschaft, die den Tod offenbar als Gegenspieler des Lebens sieht, weil sie Leben ausschließlich als eine begrenzt lange Zeitstrecke zwischen Geburt und Tod versteht. Das habe ich übernommen. Die Vorstellung, dass das, was ich glaube zu sein, enden wird, erzeugt in mir automatisch einen Widerstand, weil ich innerhalb dieser Vorstellung eigentlich immer existieren will. Es ist ja das Einzige, was ich habe, was ich bin. Das, was der Tod wirklich ist, kann sich mir nicht eröffnen und ich versuche, ihn mir tunlichst vom Leib zu halten. Ebenso wie mein Vater, halte ich mich dabei nur an das vermeintlich Sichtbare, das, was ich kenne. Doch dass ich in etwas Größerem eingebettet sein könnte, ist mir dabei nicht bewusst. Ich habe es regelrecht vergessen inmitten der dauernden Existenzerhaltung. Die Vorstellung, ein „Ich“ und damit einhergehend körperlich zu sein, zielt mit seiner starken und trügerischen Wirkung auf ein möglichst langes, und bitte angenehmes Fortbestehen ab. Um das aufrechtzuerhalten, brauche und benutze ich ständig andere Menschen, Güter, neue Ziele und bin ständig dabei, mich zu vergleichen, zu verbessern, begebe mich in Konkurrenz mit anderen. „Ich“ darf nicht sterben, ich muss leistungsfähig sein und bleiben. Es ist ein kräftezehrender Überlebenskampf, damit ich nicht untergehe.

Die einzige Sehnsucht
Das Verrückte ist, das sich in meinem ständigen Drang nach Verbesserung, in der automatischen Dauersuche nach dem Nächsten, was mir Erfüllung und damit zeitlich begrenzt Befriedigung verheißt, meine Sehnsucht nach Leben in seiner Vollkommenheit und Ganzheit verbirgt. Es ist die Sehnsucht nach dem Wegfall dessen, was diese Ganzheit verhindert! Ich sehne mich also unbewusst danach, dass das stirbt oder vergeht, was mich einschränkt. Dabei ist es die Suche selbst, die mich einschränkt, die mich ablenkt vom Wesentlichen und der Glaube, in der Welt etwas dauerhaft Schönes und Angenehmes für mich finden zu können. Das Problem bin ich selbst, in meiner unstillbaren Suche nach dem Besseren. Was schon gut ist, kann ich aber nicht verbessern, ich kann mich nur erinnern und erkennen, dass es schon da ist. Im Vergessen liegt der Schmerz. Solange ich mich als ein getrenntes körperliches Wesen definiere, bleibe ich im Schmerz dieser Trennung und bin immer suchend darauf bedacht, diesen Schmerz nicht fühlen zu müssen. Im Hinzufügen von Dingen, Erfahrungen, Erlebnissen, die mich wieder voll und ganz machen sollen. Doch da das alles vergänglich und oft auch sehr kurzlebig ist und durch die Gewöhnung daran auch nichts Besonderes mehr bleibt, funktioniert das nicht und die Enttäuschung ist vorprogrammiert. Unbewusst sehne ich mich nach dem Wegfall dieser suchenden, sich getrennt fühlenden Ich-Person, weil ich ahne, dass da, und nur da, Frieden ist. Für diesen Wegfall (der Körperidentität) kann das Wort Tod ebenso stehen, wie für das Sterben und den Verfall des Körpers.

Totes Leben
Immer, wenn ich bereit und offen dafür bin, aus dem, was ich über die Welt zu wissen glaube, herauszutreten, passiert loslassen und es wird weich und liebevoll in mir. Das ist, weil ich vor Augen habe, was ich mir antue, wenn ich mich verdrehe, bemühe, verstecke, vermeide, erreichen will, für richtig und für falsch halte, auf einen Vorteil bedacht bin. Das befreit mich aus der damit einhergehenden Erstarrung, Verspannung und Kälte, und dem immensen inneren Druck durch Dauerstress, der sich in mir fest, dicht und schwer, also körperlich (Schmerzkörper) anfühlt. Im Starren auf die ultimative Verheißung, auf den besonderen nächsten Moment, der mir endlich Erfüllung bringen soll, erstarre ich in ein totes Leben, weil ich in dieser Fokussierung nicht offen sein kann für das, was schon da ist. Ich vermeide es in den gegenwärtigen Moment einzutauchen, mich ihm hinzugeben, weil „Ich“ es nicht aushalten würde, weil „Ich“ darin nicht vorkommen würde und nichts zu sagen hätte. Dieser scheinbaren Demütigung will ich entkommen und lenke – zunächst sogar von mir selbst unbemerkt – geschickt und trickreich von der Möglichkeit des Eintauchens in das, was jetzt ist, ab. Still sein und nicht mehr flüchten, stellt sich dann ein, wenn ich nichts mehr für mich will und offen und bereit bin, alles Gewusste dem Moment zu geben. Nur so, unbelastet und mit leeren Händen, kann ich das Ungewisse, das unbekannte Neue freudig erregt empfangen.

Angst wovor?
Auch wenn mir klar ist, dass ich in der Welt nicht finden kann, was ich suche, und mir klar ist, dass „ich“ von „mir“ lassen muss, so bringt mich diese Erkenntnis auch nicht wirklich weiter. Wie sterbe ich denn in das hinein, was ich nicht kenne und wofür „ich“ angeblich nichts tun kann? Sich einfach mal so hinzugeben, aufzugeben, in allem, was ich denke, zu sein und ohne zu wissen, was dann kommt, ist so unbestimmt und ungewiss, dass ich Angst davor habe. Doch wie kann ich Angst v o r
etwas haben, was mich nicht unmittelbar physisch bedroht? Woher kommt die Angst, wenn doch kein Löwe vor mir steht? Ich nehme wahr und kann fühlen, wie sehr diese Angst mich beengt und bedrückt. Es ist ein Gedanke, der das Gefühl der Angst, der Enge hervorruft. Ein Gedanke, den ich glaube, so lange, wie ich nicht frage, ob es wahr ist, was ich da denke. Der Gedanke heißt, wenn ich sterbe, dann bin ich nicht mehr da, dann gibt es mich nicht mehr. Und das E(Ä)NG-stigt mich und es fühlt sich bedrückend und schwer an. Doch ist es wahr, dass ich dann nicht mehr da bin?

Die Seifenblase
Im Bild von der Seifenblase offenbart sich mir die Antwort auf diese Frage. Wenn ich auf das gespannte Häutchen in der O-förmigen Öffnung am Stiel eines Pustefix genügend Luft hineinblase, dann entsteht eine Seifenblase sichtbar vor meinem Auge. Die extrem dünne Haut macht sie zu einem Ding, zu einer Blase. Wie einen eigenständigen Körper nehme ich sie nun wahr. Sie hat innen einen Hohlraum in Abgrenzung zum Übrigen da draußen. Die Oberfläche schillert in allen Farben und bei genauerem Hinsehen spiegelt sich darauf alles, was außerhalb ist. Diese Hülle steht wegen des eingegrenzten Inneren unter Druck, ist zum Zerreißen gespannt und wird platzen. Keiner weiß wann. Wenn nun das, was zu sich „Ich“ sagt, sinnbildlich diese Hülle ist, dann ist es (wie bei der Seifenblase) die Ursache der Trennung zwischen innen und außen. Das Innere der Blase steht für „mich, mir, meins“ – das Eigene. Demgegenüber ist alles andere draußen. Doch was passiert, wenn diese dünne, eigentlich einer Illusion gleichkommende Ich-Blase zerplatzt als die Überzeugung, eine eigene, persönliche Entität zu sein? Nichts würde übrigbleiben in der Erscheinung von Allem. Es käme zweifellos dem oben gefürchteten Gedanken an das Sterben oder dem Tod gleich, wo alles Ich-haft-e sich auflösen würde und nichts von dem mehr da ist.

Das Platzen ist Freude
Was für eine Erleichterung, wenn das passiert! Niemand mehr da, der unter Druck steht. Niemand mehr da, der Angst hat, zu sterben. Das, was bleibt, ist das, indem und als was die Seifenblase oder die illusionäre Abtrennung eines „mich gibt es, ich existiere“ erscheinen konnte. Was bleibt, ist das Ganze, das Eine, dass sich selbst nicht kennt, weil da niemand mehr ist, der es kennen und benennen könnte. Es ist die Befreiung ins Nichts, welches Alles ist. DAS BIN ICH – offen, unbegrenzt und leicht.

Phönix aus der Asche
Was Leben unverursacht aus sich selbst heraus wirklich ist, erwacht erst dann wieder zu sich selbst, wenn das, was dieses Sein verschleiert, verbrennt und sinnbildlich zu Asche wird. Im Dahinschmelzen dessen, was ich meine Persönlichkeit mit meinem wissenden Verstand und all den daran gekoppelten Überzeugungen nenne, offenbart sich das Neue, was nie abwesend war, als der freie Flug des Phönix aus der Asche. Hier, wie auch im Spiegel der biologischen Abläufe des Irdischen zeigt sich, dass der Tod oder die Veränderung notwendig ist, um zu leben bzw. um neues Leben zu ermöglichen.

Tod und Leben sind eins
Durch die ursächliche Abspaltung vom Ganzen, im Urknall des Gedankens „Ich“ habe ich eine von mir getrennte Welt in Raum und Zeit erschaffen, wo der Glaube an Geburt und Tod selbstver-ständlich erscheint. Der Tod ist ein Gedanke meines Verstandes, der das, was er sinnlich wahrnimmt, automatisch bewertet. Hier trenne ich zwischen Bewegtem als etwas Lebendiges und dem Regungslosen als tote Materie. Dass allem, auch dem Erstarrten eine Kraft innewohnt, die es als Ding da sein lässt, und gleichzeitig mit dem Erscheinen von etwas Lebendigem die Bewegung hin zu seiner Auflösung geschieht, bleibt meinem Verstand unbegreiflich. Beide, Tod und Leben, liegen so nah beieinander, dass sie in Wirklichkeit ein und dasselbe sind. Tod ist somit nur ein Wort für Veränderung und Übergang innerhalb eines seienden Prinzips, was ich ewiges Leben nennen würde. Es ist das ewige Wechselspiel zwischen Sich-verdichten und Sich-wieder-auflösen, zwischen Werden und Vergehen. Oder Nichts in der Erscheinung von Allem. So hat Leben keinen Anfang und kein Ende.

„Der Tod lächelt uns alle an. Das Einzige, was man machen kann, ist zurücklächeln.“ (Marcus Aurelius)

 

Autor: Uwe Rapp

Verantwortlich für den Inhalt des Artikel ist der Autor.

Weitere Beiträge des Autors sind erschienen auf sein-brandenburg: https://www.sein.de/?s=uwe+rapp